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Sprache und Schrift

Prof. Dr. Christian Stetter
Erschienen in: Valerio 3/2006, hgg. von Peter Eisenberg.

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Wie wirkt die Schrift auf die Sprache zurück? Die Antwort läßt sich in einen Satz fassen: Sie zwingt die Schreiber, ihre Zeichen wählend sich klar darüber zu werden, was ein Substantiv ist, was ein Satz, was ein Linksattribut usw. Schreiben-lernen im System der Alphabetschrift heißt immer auch, daß man ein Mindestmaß an grammatischen Begriffen lernen muß. Nach dem Tod von Johannes Rau wird man Straßen und Plätze nach ihm benennen. Wie schreibt man nun den Johannes-Rau-Platz: mit oder ohne den ersten Bindestrich? „Johannes Rau" ist hier Attribut zu „Platz“, also Linksattribut. Das muß im Deutschen dekliniert sein und mit dem Nomen kongruieren, zu dem es Attribut ist. „Johannes Rau" ist aber kein Adjektiv. Soll der neue Name grammatisch korrekt geschrieben werden, so muß man aus ihm ein Nomen machen. Dies ist die Funktion des Bindestrichs im üblichen Gebrauch des Schriftdeutschen: aus einer Folge verschiedener Wörter oder Zeichen ein Wort zu machen: das In-den-Tag-hinein-Leben, die X-Beine, der i-Punkt.

Diese Erklärung handelt uns drei Probleme ein: (1) das „muß" in „… muß im Deutschen dekliniert sein", (2) das „muß" in „…muß man … aus ihm ein Nomen machen" und (3) das „üblich" in „im üblichen Gebrauch des Schriftdeutschen". Problem (1) betrifft den Status grammatischer Regeln. Warum muß ein Linksattribut im Deutschen dekliniert sein? Die einzig haltbare Antwort lautet: Weil die Analyse oraler wie literaler deutscher Sprache in dieser eine Regularität ausweist, nach der Linksattribute im Deutschen eben dekliniert werden. Das „muß“ indiziert die Induktion von den beschriebenen Einzelfällen auf die Regel. Im Schriftunterricht begegnet diese den zukünftigen Schreibern als Norm. Denen kommt so der Unterschied von Regularität – dem statistisch erfaßten Faktum – und Regel, dessen Metamorphose in eine Norm, gar nicht in den Blick. Doch ist und bleibt deren Sollen im Sein der Statistik verankert.

Anders scheint es sich beim Problem (2) zu verhalten: Die betreffende Norm beruht auf einer anderen Norm. Die Bedingung oben lautete ja: wenn der neue Name grammatisch korrekt geschrieben werden soll. Doch warum soll man einen Text oder ein Straßenschild grammatisch korrekt schreiben? Diese Forderung wird keineswegs an jeden schriftsprachlichen Text des Deutschen oder einer beliebigen anderen Sprache gerichtet: Auf dem Einkaufszettel für den Marktbesuch notieren wir mit üblichen wie unüblichen Schreibungen, Kürzeln usw., was wir uns merken wollen – Hauptsache, wir können es beim Einkauf noch lesen. Einen Rechtschreib- oder gar grammatischen Fehler werden wir dagegen schon in unserer Regionalzeitung monieren, auch wenn solche Fehler dort häufig genug zu finden sind. Bei der FAZ oder der Süddeutschen kann schließlich eine zu hohe Fehlerquote zur Kündigung des Abonnements führen. Die Macht orthographischer wie grammatischer Normen hängt offensichtlich an Toleranzgrenzen, die vom Publikum den betreffenden Medien entgegengebracht werden. Das Sollen literaler Normen beruht auf dem Sein des literalen Geschmacks, mit Bourdieu könnte man sagen: hängt ab vom Bildungskapital.

Schließlich das Problem (3): Was ist der übliche Gebrauch des Bindestrichs? Dieser begegnet uns je nur in einzelnen Inskriptionen. Um den Typ zu fassen, bedarf es passender Muster, die typische Eigenschaften aufweisen – ein verdächtiger, wenn auch nicht vitiöser Zirkel: Das Sein des Typs ist fundiert in einer Hypothese darüber, was er sein könnte, und ist offenbar nicht mehr wert als diese Hypothese selbst. Kein Wunder, wenn man glauben konnte, orthographische Normen seien willkürlich gesetzte Normen. Von Regeln der ‚natürlichen’ Sprache kann man vielleicht noch sagen, sie seien unabhängig von kulturell abhängigen Größen wie literalen Traditionen oder individuellen Parametern wie Bildung oder Sprachgefühl. Für Regularitäten wie Regeln des Schriftgebrauchs gilt dies offenbar nicht. Der Schluß drängte sich geradezu auf, das Verhältnis von literalem und oralem Typ im Sinne der Saussureschen Formel zu fassen, die das Verhältnis von signifiant und signifié als ein willkürliches deutete.

Doch dieser Schluß beruht auf einem Kategorienfehler. So war der Begriff der Arbitrarität nicht gedacht: Das orale Wort /mitə/ ist – um Saussures Formel logisch zu präzisieren – weder der Sinn des literalen Wortes <Mitte> noch dessen Extension. Der Sinn – der in etwa dem Saussureschen signifié entspricht – des signifiant <Mitte> wie der von /mitə/ ist ebenso wie der des Kanji 中 der Begriff Mitte; die Extension eines jeden dieser drei Zeichen ist alles, von dem man sagen kann, daß es die Mitte von etwas sei. Dazu zählt das orale Wort /mitə/ ersichtlich nicht, jedenfalls nicht in hier einschlägigem Sinn.

Orales und literales Wort verhalten sich kategorial anders zueinander: Schreibend lernen wir, die Wörter unserer oralen Sprache auf die literalen Wörter derselben Sprache abzubilden. Im Japanischen kann nun das Kanji 山 (Berg, Gebirge) auf die Kun-Lesart /yama/ und die On-Lesart /san/ abgebildet werden, aber auch wir könnten dieses Kanji als Darstellung unserer Bedeutungen „Berg" oder „Gebirge" verwenden. Unser Schriftsystem schränkt diese Abbildungsmöglichkeiten rigide ein. Das Verfahren der Artikulation des alphabetschriftlichen Wortes als Buchstabenfolge erlaubt die Bildung einer Art Partiturlesart für jedes alphabetschriftliche Wort: eine von der Schreibung her normierte Aussprache dieses Wortes, wie sie im Deutschen seit Siebs’ „Bühnenhochlautung" vorliegt. Diese Normierung ist im Medium der Schrift vorgenommen, eine Konstruktion, die von dieser her auf die Vielfalt oraler Dialekte projiziert wird. Ihr logischer Witz liegt darin, daß sie anstelle einer Alternation rechts der Entsprechung: 山 ≈ /yama/ ∨ /san/ ∨ … ∨ /berk/ ∨ /gebirgə/ … nur noch genau einen Wert zuläßt: „Berg" ≈ /berk/. Die Abbildung der Menge oraler auf die literaler Wörter wird von letzterer her festgelegt. Die Abbildungsrichtung verläuft also von der Vielförmigkeit oraler Rede ins Literale, das Zielgröße dieser Projektion ist wie deren Norm. Das macht aus der Projektion eine Funktion: Unüberschaubare Mengen dialektal mehr oder weniger gefärbter Wortvarianten werden idealiter je auf genau ein literales Wort abgebildet. Dessen Darstellung im digitalen Schema des Alphabets ist, logisch betrachtet, die Individuierung des Worttyps als normierte Folge von Buchstaben. Die kann man nun als Partitur der oralen Aufführung dieses Wortes lesen. Diese Logik erst hat die Illusion erzeugt, die Alphabetschrift sei eine Lautschrift, das orale Wort – dessen Typ im Modus des Singular nie existiert – bestünde aus Lauten wie das literale aus Buchstaben: ein weiterer Kategorienfehler, auf dem der oben erwähnte erste beruht.

Das Telos der Alphabetschrift liegt in der Eindeutigkeit der in ihr normierten Schreibungen. Das rückt das Arbiträre solcher Regelungen in ein neues, zutreffenderes Licht: Zwar sind sie kulturelle Produkte, doch gerade als solche sind sie Problemlösungen. Deren Zweck ist uns von der – so könnte man sagen – medialen Logik der Alphabetschrift vorgegeben.

Auch für die Schrift gilt der Saussuresche Grundsatz, daß wir eine Differenz des signifiant als solche des signifié zu deuten verurteilt sind. Wir haben letzteren ja nur im ersteren. Wittgenstein hat uns die Bedeutung dieses Grundsatzes vor Augen geführt: „Wie soll ich wissen, was er meint, ich sehe ja nur seine Zeichen“, läßt er seinen Gesprächspartner fragen, und antwortet: „Wie soll er wissen, was er meint, er hat ja auch nur seine Zeichen" (Philosophische Untersuchungen I, 504).

Die Forderung der Eindeutigkeit unserer Zeichen hat ihren Sinn nicht nur in der Eindeutigkeit ihrer Lesbarkeit für eine unüberschaubare Öffentlichkeit. Sie liegt tiefer: Man kann in nicht eindeutigen Schreibungen nicht eindeutig denken. Dies gilt etwa für Varianten, die angeblich das Schreiben erleichtern: Schenke oder Schänke. Doch aus letzterer ist der Zusammenhang mit schenken getilgt. Sie ist durchaus nicht dasselbe Wort wie Schenke. Entsprechendes gilt für Typenunterschiede: Man hat die alte Regel aufgehoben, nach der man Zahlwörter klein schrieb, es sei denn, sie waren als Substantive verwendet: der dritte, der …, zu Lasten Dritter. Jetzt soll man Ordinalzahlen wie Adjektive großschreiben, wenn sie mit einem Artikel verbunden werden. Denen gleichen sie ja in ihren morphologische Eigenschaften. Doch der Unterschied im logischen Typ von Zahlwort und Substantiv oder Adjektiv hat sich nicht verändert. Diese werden als Unterscheidungen verwendet: Der Dritte ist ein am Vertrag nicht Beteiligter, er verfügt über Eigenschaften, anhand derer man ihn von Nicht-Dritten unterscheiden kann. Zahlwörter hingegen dienen zur Quantifizierung von beliebigen, nicht zur Unterscheidung verschiedener Mengen. Von den zahllosen, die sich wo auch immer versammeln, hat kein einziger die Eigenschaft, zahllos zu sein.

Die alte Regel „Zahlwörter schreibt man klein" trug dem Rechnung. Sie hat sich entwickelt, um einen wesentlichen logischen Unterschied eindeutig zu markieren. Nivelliert man diesen, so wird er sich im Denken der Schreibenden schwerlich ausbilden oder erhalten.

Orthographische Regeln sind zweifellos kulturelle Produkte. Eben deswegen sind sie nicht auf die Weise willkürlich, wie der Mythos von der Alphabetschrift als Lautschrift uns glauben machen will. Genauer betrachtet erweisen sie sich als Hypothesen über die logischen Typen, in denen wir unser Denken artikulieren, als Versuche, deren Unterschiede formal zu verdeutlichen.

Die Orthographie ist im Kern verkannt, wenn man sie als Regelwerk begreift. Sie ist ein Prozeß, der so alt ist wie unsere Schrift selbst, genauer gesagt: Sie ist deren interne Seite, ohne die es die Alphabetschrift nicht gäbe. In ihr zeigt sich das Bemühen immer neuer Generationen, ihre Schrift geeignet zum Ausdruck der Gedanken zu formen. In diesen Prozeß kann man intelligent eingreifen oder auch borniert, aufhalten kann man ihn nicht, weder der Duden noch eine staatliche Instanz. Sprachliche Typen sind niemals fertig, das gilt auch für solche der Orthographie. Niemand ist also Herr dieses Prozesses, könnte ihn gar per Beschluß stillstellen. Denn es liegt in der Natur der Sache, daß ein gewitzter Kopf die Trennung hin-auf der Alternative hi-nauf vorziehen wird. Letztere zerstört ohne Not gleich zwei Bedeutungen, die erstere ohne Mehraufwand erhält.

So ist in den Torheiten und Uneindeutigkeiten der Neuregelung, die der mühsam erzielte Kompromiß um diese noch immer enthält, der Grund dafür angelegt, daß auch dieser Regelung keine Dauer beschieden sein wird. Das letzte Wort in der Sache hat nicht die KMK, sondern die unsichtbare Hand, geführt von denen, die schreiben können und schreiben werden – was nichts anderes heißt als: Es gibt hier kein letztes Wort.

Literatur:

Bourdieu, Pierre (1984): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Übersetzt von Bernd Schwibs und Achim Russer. Dritte, durchgesehene Aufl. Frankfurt a. M.

de Saussure, Ferdinand (1972): Cours de linguistique générale. Édition critique préparée par Tullio de Mauro. Paris.

Goodman, Nelson (1988): Tatsache, Fiktion, Voraussage. Übersetzt von Hermann Vetter. Mit einem Vorwort von Hilary Putnam. Frankfurt a. M.

Ders. (1997): Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Übersetzt von Bernd Philippi. Frankfurt a. M.

Keller, Rudi (1994): Sprachwandel. Von der unsichtbaren Hand in der Sprache. 2., überarbeitete und erweiterte Aufl. Tübingen und Basel.

Stetter, Christian (1997): Schrift und Sprache. Frankfurt a. M.

Ders. (2005): System und Performanz. Symboltheoretische Grundlagen von Medientheorie und Sprachwissenschaft. Weilerswist.

Wittgenstein, Ludwig (2001): Philosophische Untersuchungen. Kritisch-genetische Edition. Herausgegeben von Joachim Schulte in Zusammenarbeit mit Heikki Nyman, Eike von Savigny, und Georg Henrik von Wright. Frankfurt a. M.

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