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Wie
wirkt die Schrift auf die Sprache zurück? Die Antwort läßt sich in einen Satz
fassen: Sie zwingt die Schreiber, ihre Zeichen wählend sich klar darüber zu
werden, was ein Substantiv ist, was ein Satz, was ein Linksattribut usw. Schreiben-lernen
im System der Alphabetschrift heißt immer auch, daß man ein Mindestmaß an
grammatischen Begriffen lernen muß. Nach dem Tod von Johannes Rau wird man
Straßen und Plätze nach ihm benennen. Wie schreibt man nun den Johannes-Rau-Platz:
mit oder ohne den ersten Bindestrich? „Johannes Rau" ist hier Attribut zu „Platz“,
also Linksattribut. Das muß im Deutschen dekliniert sein und mit dem Nomen
kongruieren, zu dem es Attribut ist. „Johannes Rau" ist aber kein Adjektiv. Soll
der neue Name grammatisch korrekt geschrieben werden, so muß man aus ihm ein Nomen
machen. Dies ist die Funktion des Bindestrichs im üblichen Gebrauch des
Schriftdeutschen: aus einer Folge verschiedener Wörter oder Zeichen ein Wort zu
machen: das In-den-Tag-hinein-Leben, die X-Beine, der i-Punkt.
Diese
Erklärung handelt uns drei Probleme ein: (1) das „muß" in „… muß im Deutschen
dekliniert sein", (2) das „muß" in „…muß man … aus ihm ein Nomen machen" und
(3) das „üblich" in „im üblichen Gebrauch des Schriftdeutschen". Problem (1)
betrifft den Status grammatischer Regeln. Warum muß ein Linksattribut im
Deutschen dekliniert sein? Die einzig haltbare Antwort lautet: Weil die Analyse
oraler wie literaler deutscher Sprache in dieser eine Regularität ausweist,
nach der Linksattribute im Deutschen eben dekliniert werden. Das „muß“ indiziert
die Induktion von den beschriebenen Einzelfällen auf die Regel. Im
Schriftunterricht begegnet diese den zukünftigen Schreibern als Norm. Denen kommt
so der Unterschied von Regularität – dem statistisch erfaßten Faktum – und
Regel, dessen Metamorphose in eine Norm, gar nicht in den Blick. Doch ist und bleibt
deren Sollen im Sein der Statistik verankert.
Anders
scheint es sich beim Problem (2) zu verhalten: Die betreffende Norm beruht auf
einer anderen Norm. Die Bedingung oben lautete ja: wenn der neue Name
grammatisch korrekt geschrieben werden soll. Doch warum soll man einen Text
oder ein Straßenschild grammatisch korrekt schreiben? Diese Forderung wird
keineswegs an jeden schriftsprachlichen Text des Deutschen oder einer
beliebigen anderen Sprache gerichtet: Auf dem Einkaufszettel für den
Marktbesuch notieren wir mit üblichen wie unüblichen Schreibungen, Kürzeln
usw., was wir uns merken wollen – Hauptsache, wir können es beim Einkauf noch
lesen. Einen Rechtschreib- oder gar grammatischen Fehler werden wir dagegen
schon in unserer Regionalzeitung monieren, auch wenn solche Fehler dort häufig
genug zu finden sind. Bei der FAZ oder der Süddeutschen kann schließlich eine
zu hohe Fehlerquote zur Kündigung des Abonnements führen. Die Macht orthographischer
wie grammatischer Normen hängt offensichtlich an Toleranzgrenzen, die vom
Publikum den betreffenden Medien entgegengebracht werden. Das Sollen literaler
Normen beruht auf dem Sein des literalen Geschmacks, mit Bourdieu könnte man
sagen: hängt ab vom Bildungskapital.
Schließlich
das Problem (3): Was ist der übliche Gebrauch des Bindestrichs? Dieser begegnet
uns je nur in einzelnen Inskriptionen. Um den Typ zu fassen, bedarf es passender
Muster, die typische Eigenschaften aufweisen – ein verdächtiger, wenn auch
nicht vitiöser Zirkel: Das Sein des Typs ist fundiert in einer Hypothese
darüber, was er sein könnte, und ist offenbar nicht mehr wert als diese
Hypothese selbst. Kein Wunder, wenn man glauben konnte, orthographische Normen seien
willkürlich gesetzte Normen. Von Regeln der ‚natürlichen’ Sprache kann man vielleicht
noch sagen, sie seien unabhängig von kulturell abhängigen Größen wie literalen
Traditionen oder individuellen Parametern wie Bildung oder Sprachgefühl. Für
Regularitäten wie Regeln des Schriftgebrauchs gilt dies offenbar nicht. Der
Schluß drängte sich geradezu auf, das Verhältnis von literalem und oralem Typ
im Sinne der Saussureschen Formel zu fassen, die das Verhältnis von signifiant
und signifié als ein willkürliches deutete.
Doch
dieser Schluß beruht auf einem Kategorienfehler. So war der Begriff der
Arbitrarität nicht gedacht: Das orale Wort /mitə/ ist – um Saussures
Formel logisch zu präzisieren – weder der Sinn des literalen Wortes
<Mitte> noch dessen Extension. Der Sinn – der in etwa dem Saussureschen
signifié entspricht – des signifiant <Mitte> wie der von /mitə/ ist
ebenso wie der des Kanji 中
der Begriff Mitte; die Extension eines jeden dieser drei Zeichen ist alles, von
dem man sagen kann, daß es die Mitte von etwas sei. Dazu zählt das orale Wort
/mitə/ ersichtlich nicht, jedenfalls nicht in hier einschlägigem Sinn.
Orales
und literales Wort verhalten sich kategorial anders zueinander: Schreibend
lernen wir, die Wörter unserer oralen Sprache auf die literalen Wörter
derselben Sprache abzubilden. Im Japanischen kann nun das Kanji 山 (Berg, Gebirge) auf die
Kun-Lesart /yama/ und die On-Lesart /san/ abgebildet werden, aber auch wir
könnten dieses Kanji als Darstellung unserer Bedeutungen „Berg" oder „Gebirge"
verwenden. Unser Schriftsystem schränkt diese Abbildungsmöglichkeiten rigide
ein. Das Verfahren der Artikulation des alphabetschriftlichen Wortes als
Buchstabenfolge erlaubt die Bildung einer Art Partiturlesart für jedes alphabetschriftliche
Wort: eine von der Schreibung her normierte Aussprache dieses Wortes, wie sie
im Deutschen seit Siebs’ „Bühnenhochlautung" vorliegt. Diese Normierung ist im
Medium der Schrift vorgenommen, eine Konstruktion, die von dieser her auf die
Vielfalt oraler Dialekte projiziert wird. Ihr logischer Witz liegt darin, daß
sie anstelle einer Alternation rechts der Entsprechung: 山 ≈ /yama/ ∨ /san/ ∨ … ∨ /berk/ ∨ /gebirgə/ … nur noch genau einen Wert zuläßt:
„Berg" ≈
/berk/. Die Abbildung der Menge oraler auf die literaler Wörter wird von
letzterer her festgelegt. Die Abbildungsrichtung verläuft also von der
Vielförmigkeit oraler Rede ins Literale, das Zielgröße dieser Projektion ist
wie deren Norm. Das macht aus der Projektion eine Funktion: Unüberschaubare
Mengen dialektal mehr oder weniger gefärbter Wortvarianten werden idealiter je auf
genau ein literales Wort abgebildet.
Dessen Darstellung im digitalen Schema des Alphabets ist, logisch betrachtet, die
Individuierung des Worttyps als normierte Folge von Buchstaben. Die kann man nun
als Partitur der oralen Aufführung dieses Wortes lesen. Diese Logik erst hat
die Illusion erzeugt, die Alphabetschrift sei eine Lautschrift, das orale Wort
– dessen Typ im Modus des Singular nie existiert – bestünde aus Lauten wie das
literale aus Buchstaben: ein weiterer Kategorienfehler, auf dem der oben erwähnte
erste beruht.
Das
Telos der Alphabetschrift liegt in der Eindeutigkeit der in ihr normierten
Schreibungen. Das rückt das Arbiträre solcher Regelungen in ein neues,
zutreffenderes Licht: Zwar sind sie kulturelle Produkte, doch gerade als solche
sind sie Problemlösungen. Deren Zweck ist uns von der – so könnte man sagen – medialen
Logik der Alphabetschrift vorgegeben.
Auch
für die Schrift gilt der Saussuresche Grundsatz, daß wir eine Differenz des
signifiant als solche des signifié zu deuten verurteilt sind. Wir haben
letzteren ja nur im ersteren. Wittgenstein hat uns die Bedeutung dieses
Grundsatzes vor Augen geführt: „Wie soll ich wissen, was er meint, ich sehe ja
nur seine Zeichen“, läßt er seinen Gesprächspartner fragen, und antwortet: „Wie
soll er wissen, was er meint, er hat
ja auch nur seine Zeichen" (Philosophische
Untersuchungen I, 504).
Die
Forderung der Eindeutigkeit unserer Zeichen hat ihren Sinn nicht nur in der
Eindeutigkeit ihrer Lesbarkeit für eine unüberschaubare Öffentlichkeit. Sie
liegt tiefer: Man kann in nicht eindeutigen Schreibungen nicht eindeutig
denken. Dies gilt etwa für Varianten, die angeblich das Schreiben erleichtern: Schenke oder Schänke. Doch aus letzterer ist der Zusammenhang mit schenken getilgt. Sie ist durchaus nicht
dasselbe Wort wie Schenke. Entsprechendes
gilt für Typenunterschiede: Man hat die alte Regel aufgehoben, nach der man
Zahlwörter klein schrieb, es sei denn, sie waren als Substantive verwendet: der dritte, der …, zu Lasten Dritter. Jetzt soll man Ordinalzahlen wie Adjektive großschreiben,
wenn sie mit einem Artikel verbunden werden. Denen gleichen sie ja in ihren
morphologische Eigenschaften. Doch der Unterschied im logischen Typ von
Zahlwort und Substantiv oder Adjektiv hat sich nicht verändert. Diese werden als
Unterscheidungen verwendet: Der Dritte ist ein am Vertrag nicht Beteiligter, er
verfügt über Eigenschaften, anhand derer man ihn von Nicht-Dritten unterscheiden
kann. Zahlwörter hingegen dienen zur Quantifizierung von beliebigen, nicht zur
Unterscheidung verschiedener Mengen. Von den zahllosen, die sich wo auch immer versammeln,
hat kein einziger die Eigenschaft, zahllos zu sein.
Die
alte Regel „Zahlwörter schreibt man klein" trug dem Rechnung. Sie hat sich
entwickelt, um einen wesentlichen logischen Unterschied eindeutig zu markieren.
Nivelliert man diesen, so wird er sich im Denken der Schreibenden schwerlich
ausbilden oder erhalten.
Orthographische
Regeln sind zweifellos kulturelle Produkte. Eben deswegen sind sie nicht auf
die Weise willkürlich, wie der Mythos von der Alphabetschrift als Lautschrift
uns glauben machen will. Genauer betrachtet erweisen sie sich als Hypothesen
über die logischen Typen, in denen wir unser Denken artikulieren, als Versuche,
deren Unterschiede formal zu verdeutlichen.
Die
Orthographie ist im Kern verkannt, wenn man sie als Regelwerk begreift. Sie ist
ein Prozeß, der so alt ist wie unsere Schrift selbst, genauer gesagt: Sie ist deren
interne Seite, ohne die es die Alphabetschrift nicht gäbe. In ihr zeigt sich
das Bemühen immer neuer Generationen, ihre Schrift geeignet zum Ausdruck der
Gedanken zu formen. In diesen Prozeß kann man intelligent eingreifen oder auch
borniert, aufhalten kann man ihn nicht, weder der Duden noch eine staatliche
Instanz. Sprachliche Typen sind niemals fertig, das gilt auch für solche der
Orthographie. Niemand ist also Herr dieses Prozesses, könnte ihn gar per
Beschluß stillstellen. Denn es liegt in der Natur der Sache, daß ein gewitzter
Kopf die Trennung hin-auf der
Alternative hi-nauf vorziehen wird. Letztere
zerstört ohne Not gleich zwei Bedeutungen, die erstere ohne Mehraufwand erhält.
So
ist in den Torheiten und Uneindeutigkeiten der Neuregelung, die der mühsam
erzielte Kompromiß um diese noch immer enthält, der Grund dafür angelegt, daß auch
dieser Regelung keine Dauer beschieden sein wird. Das letzte Wort in der Sache
hat nicht die KMK, sondern die unsichtbare Hand, geführt von denen, die
schreiben können und schreiben werden – was nichts anderes heißt als: Es gibt
hier kein letztes Wort.
Literatur:
Bourdieu, Pierre (1984): Die feinen Unterschiede. Kritik der
gesellschaftlichen Urteilskraft. Übersetzt von Bernd Schwibs und Achim Russer.
Dritte, durchgesehene Aufl. Frankfurt a. M.
de Saussure,
Ferdinand (1972): Cours de linguistique générale. Édition critique préparée par
Tullio de Mauro. Paris.
Goodman, Nelson (1988): Tatsache, Fiktion, Voraussage. Übersetzt
von Hermann Vetter. Mit einem Vorwort von Hilary Putnam. Frankfurt a. M.
Ders. (1997): Sprachen der Kunst. Entwurf einer
Symboltheorie. Übersetzt von Bernd Philippi. Frankfurt a. M.
Keller, Rudi (1994): Sprachwandel. Von der unsichtbaren Hand
in der Sprache. 2., überarbeitete und erweiterte Aufl. Tübingen und Basel.
Stetter, Christian (1997): Schrift und Sprache. Frankfurt
a. M.
Ders. (2005): System und Performanz. Symboltheoretische Grundlagen
von Medientheorie und Sprachwissenschaft. Weilerswist.
Wittgenstein, Ludwig (2001): Philosophische Untersuchungen.
Kritisch-genetische Edition. Herausgegeben von Joachim Schulte in
Zusammenarbeit mit Heikki Nyman, Eike von Savigny, und Georg Henrik von Wright.
Frankfurt a. M.
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